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REZENSION: Judith Bachmann, Hexerei in Nigeria zwischen Christentum, Islam und traditionellen Praktiken: Globale Verflechtungen und lokale Positionierungen bei den Yoruba. Baden-Baden: Nomos, 2021.

von Juliane Stork

In ihrem als Dissertationsschrift eingereichten Buch Hexerei in Nigeria zwischen Christentum, Islam und traditionellen Praktiken. Globale Verflechtungen und lokale Positionierungen bei den Yoruba zeichnet Bachmann nach, wie unterschiedlich die Positionen zum Thema Hexerei in der nigerianischen Öffentlichkeit ausgeprägt sind und worin der Ursprung dieser Positionen liegt. Bachmann legt dar, dass die verschiedenen Ausprägungen der Vorstellungen von Hexerei bei den Yoruba in Nigeria Ausdruck lokaler, gesellschaftlicher Positionierungen sind und aus globalgeschichtlichen Verflechtungen entstanden sind. Sie ordnet die Positionierungen dabei Atheist*innen, Pfingstkirchen, traditionellen Heiler*innen und Muslim*innen zu, die durch ihre jeweiligen Positionierungen zu Hexerei andere gesellschaftliche Diskussionen beeinflussen und sich zu diesen positionieren. Die jeweilige Positionierung zu Hexerei wird damit zu einem stellvertretenden (Konflikt-)Thema, in dem sich die pluralen lokal-gesellschaftlichen Positionierungen der religiösen Gruppen zu globalen Themen spiegeln.

 

Neben einer ausführlichen Literaturstudie bezieht sich Bachmann vor allem auf die Ergebnisse aus ihren empirischen Feldstudienphasen von 2017-2019 in Kirchen, Moscheen und im Kontext traditioneller Heilungspraktiken in einem christlich-muslimischen Stadtteil Ibadans im Südwesten Nigerias. Interviews und teilnehmende Beobachtungen aus den drei Kontexten bilden den Ausgangspunkt des ausführlichen, genealogischen Teils ihrer Arbeit, der die vielfältigen Positionen zu Hexerei, denen sie in ihrer Feldforschung begegnet ist, historisch einordnet. Bachmann verfolgt mit ihrer Studie das Ziel „zur Klärung dessen beizutragen, was Hexerei in Afrika heute bedeutet“ (S. 43), denn die vielfältigen Positionen zu Hexerei, denen sie in Ibadan begegnete, ließen sich eben nicht einfach entlang vermeintlich klarer Positionierungslinien anhand der Konstrukte Europa und Afrika, oder ‚Tradition‘ und ‚Moderne‘ gliedern. Die Autorin bettet ihre Studie in den Kontext postkolonialer Afrikaforschung ein und erforscht Hexerei als Teil afrikanischer Moderne, denn: „Es mangelt […] nach wie vor an einem Ansatz, der die Plausibilitäten gegenwärtiger Hexerei-Vorstellungen in Afrika in kritischer Weise auf ihre Entstehungszusammenhänge zurückführt, ohne dabei die Logik der Trennung zwischen europäischer und afrikanischer Moderne unhinterfragt zu bestärken.“ (S. 24). Bachmann folgt dabei dem genealogischen Ansatz, den Michael Bergunder, unter Einbezug der Theorien von Michel Foucault und Judith Butler für die religionswissenschaftliche Forschung geprägt hat (u.a. Bergunder 2011, Zeitschrift für Religionswissenschaft, 19/1-2). Ähnlich wie Bergunder fragte: „Was ist Religion?“, fragt Bachmann in diesem Buch: „Was ist Hexerei?“. Sie entwickelt die Frage und ihren Ansatz, um diese zu beantworten, einem Grounded Theory Ansatz folgend, aus dem empirischen Forschungsfeld. Nachdem ihr im empirischen Forschungsfeld in Ibadan unterschiedliche und teilweise gegenteilige Positionierungen zu Hexerei begegnet sind, fragt sie nach den Entstehungszusammenhängen dieser Positionierungen, um die Bedingungen der Möglichkeit einer so vielfältigen Positionierungslandschaft zu durchdringen.  Dem nähert sie sich nach ihrem einleitenden Kapitel zunächst mit einer ausführlichen Religionsgeschichte der Yoruba und einer Einordnung des Themas Yoruba-Hexerei. Im zweiten Hauptteil, der die Ergebnisse ihrer Feldforschung präsentiert, legt sie den gegenwärtigen Gebrauch von „Hexerei“ anhand der Themen Öffentlichkeit, Religion, und Zuweisung von Hexerei als weibliche Praxis dar, die sich in ihrer Feldforschung als Analysekategorien des Themas ergeben haben.   Die Kontexte von Christentum, Islam und traditionellen Heilpraktiken, die den Titel des Buches prägen, finden sich zunächst als Kategorien, die das Forschungsfeld für Bachmann strukturieren und werden daher auch im genealogischen ersten Hauptteil in einzelnen Unterkapiteln beleuchtet. In der Präsentation der empirischen Ergebnisse präsentiert die Autorin ihre Erkenntnisse dann thematisch und nicht anhand der Religionszugehörigkeiten ihrer Interviewpartner*innen gegliedert. Im Schlusskapitel geht Bachmann dann wieder auf die Religionszugehörigkeiten als den entscheidenden Positionierungsmarker der Yoruba ein und ordnet Hexerei als Thema der öffentlichen Aushandlung, Hexerei als Religion und Hexerei als weibliche Praxis den erwähnten Religionsgemeinschaften zu, deren Positionen häufig der Abgrenzung von und Zugehörigkeitsmarkierung zu (religiösen) Identitäten dienten. Befragte aus allen Religionsgemeinschaften gaben an, dass „Schutz vor Hexerei nötig und Heilung von ihren Effekten möglich“ (S. 440) sei. Bachmann zeigt in ihrer entstehungsgeschichtlichen Analyse die aktive Rolle insbesondere der Pfingstkirchen, des Reformislam und der traditionellen Heilpraktiken auf, die Hexerei für sich und zur Abgrenzung von anderen Religionsgemeinschaften nutzten.   Diese Typisierung der empirischen Ergebnisse im Lichte ihrer Entstehungsgeschichte lässt dann erkennen, ‚was Hexerei in Nigeria ist‘ oder vielmehr, was sie ausmacht und bedingt. Bachmann versteht Hexerei schließlich als einen Ausdruck von Selbstpositionierung, der diskursiv und praktisch sedimentiert und gleichzeitig immer möglicherweise verändert wird und die Abgrenzung von und Zugehörigkeit zu religiösen Gemeinschaften spiegelt.  

 

Bachmann gelingt mit ihrem Buch eine sehr überzeugende und umfassende Analyse der Bedingungen der Möglichkeit der verschiedenen Positionierungen zu Hexerei und ihrer Zusammenhänge in Nigeria. Warum sie ihr Buch auf Deutsch veröffentlicht hat, obwohl Englisch ihr Buch den Nigerianer*innen, über die sie schreibt, wahrscheinlich zugänglicher gemacht hätte, bleibt offen. Bachmann schreibt in eine internationale Forschungslücke hinein und bezieht sich viel auch auf internationale Fachliteratur, so dass zu hoffen ist, dass ihr Buch in Zukunft komplett übersetzt werden wird, um international die Rezeption zu erfahren, die es verdient. Bachmanns umfangreiches, anspruchsvolles Buch ist vor allem für ein kenntnisreiches Fachpublikum eine anregende, sehr tief gehende Lektüre. 

 

ISBN: 978-3-8487-8034-1
496 Seiten
99,- € 
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Zuletzt verändert: 31.01.2022 09:00